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Supportivbehandlung

Die Studie „SPOG* 2015 FN Definition“

 

Fieber in Neutropenie (FN)

Als Neutropenie wird ein vorübergehender Mangel an weissen Blutkörperchen – sogenannten „Eiterzellen“ – bezeichnet, die Bakterien im Körper und im Blut bekämpfen. Die Neutropenie ist eine der häufigsten Nebenwirkungen der Chemotherapie. Sehr oft verläuft sie zwar ohne Probleme. Wenn in dieser Phase aber Fieber auftritt, kann dies das wichtigste Zeichen für eine bakterielle Infektion – im Volksmund als Blutvergiftung bezeichnet – sein. Fieber in Neutropenie verlief früher, vor dem Einsatz guter, breit wirksamer Antibiotika häufig tödlich und war daher sehr gefürchtet.

 

Noch immer häufigste Komplikation

Die häufigste gefährliche Komplikation der Chemotherapie bei Krebserkrankungen ist auch heute noch eine Infektion bei Fieber in Neutropenie. Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen mit einer Krebserkrankung macht während der Behandlung mit Chemotherapie meistens mehr als eine Episode mit Fieber in Neutropenie durch. Dank der Notfallhospitalisierung und sofortigen Behandlung mit intravenös verabreichten Antibiotika, sterben Kinder heute aber nur noch sehr selten wegen einer unerkannten, schwer verlaufenden bakteriellen Infektion bei Fieber in Neutropenie.

 

Sinnvoller Fiebergrenzwert 38.0°C, 38.5°C oder 39°C?

Welcher Fieberwert als sinnvolle Fiebergrenze gelten soll, ist aber erstaunlicherweise auch heute noch nicht klar und damit auch, wann Fieber in Neutropenie diagnostiziert werden und entsprechend Antibiotika verabreicht werden sollen. In der Schweiz gilt in den meisten pädiatrisch-onkologischen Zentren ein Fiebergrenzwert von 38.0°C oder 38.5°C, während in Bern seit Jahrzehnten ein Grenzwert von 39.0°C angewandt wird.

 

Pilotstudie in Bern

Eine Berner Studie im Jahr 2015 hat gezeigt, dass zahlreiche Notfallhospitalisationen und Antibiotikatherapien vermieden werden können, wenn als Fiebergrenze 39.0°C statt 38.5°C angewandt wird, dies allerdings bei einer limitierten Patientenzahl. (vgl. Gute Nachrichten-Zeitung Nr. 16 vom Oktober 2015)

 

Neue Studie in mehreren Schweizer Zentren

An der Studie „SPOG 2015 FN Definition“ der Schweizerischen Pädiatrischen Onkologie-Gruppe beteiligen sich mehrere Schweizer Zentren für pädiatrische Onkologie. Darin wird nun bei einer grösseren Zahl von Fieberepisoden in Neutropenie untersucht, ob die Grenze von 39.0°C auch sicher ist, d.h. ob nicht mehr schwere Komplikationen auftreten als bei einem Fiebergrenzwert von 38.5°C.

 

Gute Fortschritte

Der Studienverlauf ist gut. Seit April 2016 wurden 224 Patienten aus 6 der 9 SPOG-Zentren in die Studie aufgenommen. Im Juni 2017 wurde, wie geplant, die erste Zwischenanalyse durchgeführt. Diese hat ergeben, dass bisher bei einer Fiebergrenze von 39.0°C nicht mehr Komplikationen aufgetreten sind als bei 38.5°C, sodass die Studie weitergeführt werden kann. Geplant ist, bis Ende 2019 insgesamt etwa 400 Patienten in die Studie aufzunehmen. Wenn der Studienverlauf sich wie bisher fortsetzt und die Ergebnisse der Zwischenevaluation bestätigt werden, gilt die Fiebergrenze von 39.0°C als sicherer Grenzwert, sodass auch andere Zentren in Zukunft auf den höheren Fiebergrenzwert wechseln können. Damit liesse sich eine Überbehandlung mit Antibiotika bei Kindern mit Fieber in Neutropenie vermeiden und auch – dies ist eines der wichtigen Ziele – das Risiko einer Resistenzentwicklung gegen hochpotente Antibiotika vermindern. Falls die Sicherheit der neuen Fiebergrenze von 39.0°C nicht nachgewiesen werden kann, d.h. wenn bei den noch geplanten Behandlungen doch mehr Komplikationen auftreten würden, werden einige Zentren von der höheren auf die tiefere Fiebergrenze wechseln müssen, um damit die Behandlungssicherheit zu erhöhen.

 

Die Bedeutung der Studie

Bei einer zukünftigen Fiebergrenze von 39.0°C

  • Verringert sich die Belastung der Patienten und Familien

  • Verringert sich das Risiko für die Resistenzentwicklung von Bakterien gegen Antibiotika

  • Verringern sich die Behandlungskosten, die Personalkosten im Spital und die Kosten, die die Patienten und ihre Familie tragen müssen

    Dies zeigt, wie wertvoll diese Studie und ihre Ergebnisse für unsere krebskranken Kinder, ihre Familien und die pädiatrische Onkologie insgesamt sein werden.

     

    SPOG* ist die Abkürzung für „Schweizerische pädiatrische Onkologie Gruppe“. Die SPOG ist ein Verein zur Förderung der patientennahen Forschung für krebskranke Kinder und Jugendliche, der alle Abteilungen für pädiatrische Hämatologie und Onkologie der Universitätskinderkliniken und mehrerer Kinderspitäler in der Schweiz umfasst.